Dilichs Federzeichnung von Oschatz


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Quelle:     Rund um den Collm aus dem Jahre 1998


Merian kopierte Dilichs Federzeichnung von Oschatz

Der aufmerksame Leser wird meinen, diese Ansicht von Oschatz schon einmal in unserer Beilage "Rund um den Collm" gesehen zu haben. In der Tat, am 8. Juli 1996 veröffentlichten wir einen Beitrag mit einer Kopie der Federzeichnung vom kurfürstlich-sächsischen Oberlandbaumeister Wilhelm Dilich, die dieser im Jahre 1628 nach der Natur zu Papier gebracht hatte.
In der heimathistorischen Literatur des 19. Jahrhunderts finden wir in sächsischen Stadtchroniken, sofern diese illustriert sind, als älteste Darstellung fast stets eine Reproduktion des Merianschen Kupferstichs aus dem Jahre 1650, nicht aber eine Wiedergabe der älteren Dilichschen Federzeichnung, die 1626 bis 1629 entstand. Merian gilt als der große Städtezeichner.

Dilich wird erst seit etwa 100 Jahren erwähnt. Wie ist das zu erklären?
Wer das Panorama von Oschatz, das der aus Hessen stammende sächsische Oberlandbaumeister im Spätherbst 1628 schuf, noch zur Hand hat, wird erkennen, daß die heute veröffentlichte Kopie des Merianschen Kupferstichs von 1650 fast genauso aussieht, also eine Nachzeichnung der Dilichschen Federzeichnung sein könnte. So ist es in der Tat. Das hat folgende Ursache: Die 142 Originalzeichnungen von Dilich, die als Vorlage für Wandgemälde im Riesensaal des Dresdener Schlosses an der Elbe dienten, ruhten danach wohl verwahrt im Archiv des Landesherrn und wurden höchstens gelegentlich interessierten hohen Gästen zur Ansicht vorgelegt.

Matthäus Merian, der Verleger und Buchhändler in Frankfurt/Main, brachte im Jahre 1650 einen Bildband heraus, der den lateinischen Titel "Topographia Superioris Saxoniae" trug. Er erschien in einer Buchreihe "Theatrum Europaeum", in der noch weitere deutsche Staaten und europäische Länder in Bild und Text vorgestellt wurden. Dieses Buch mit Kupferstichen fand weite Verbreitung, obwohl sein Preis für damalige Verhältnisse hoch war. 1690 erschien sogar eine zweite Auflage. Auf diese Weise sind die Ansichten von 87 sächsischen Städten durch Merians Buch weithin bekannt geworden; viele Bibliotheken, reiche Adlige und Bürger hatten das Werk - und andere Bildbände von Merian - erworben, und sie wurden über Jahrhunderte hinweg bewahrt und wohl gehütet. Das Papier war noch aus textilen Rohstoffen (Lumpen) hergestellt, so daß es nicht vergilbte oder brüchig wurde.

Als man im 18./19. Jahrhundert daran ging, die Heimatgeschichte zu erforschen und Stadtchroniken zu schreiben, suchten die Autoren nach geeignetem Bildmaterial zur Illustration der geschichtlichen Fakten. Dabei waren vorrangig alte Städteansichten gefragt, und wo fand man die - in Merians Topographie von Obersachsen von 1650. So erschienen denn die Kupferstiche von Merian, nachgezeichnet oder später fotografiert, als "älteste" Darstellung des jeweiligen Ortes.
Nun hatte aber Merians Sohn Caspar in den Jahren 1649/50 im Auftrage seines Vaters Matthäus bei der Vorarbeit zu dem genannten Bildband nicht etwa die wichtigen Städte im Kurfürstentum Sachsen an Ort und Stelle nach der Natur gezeichnet, sondern er machte es sich leichter und kam schneller voran: Er kopierte im warmen Stübchen in der Residenzstadt Dresden, was ihm an Brauchbarem unter die Finger kam. Urheberrechte gab es damals noch nicht.
Seinen hessischen Landsmann Dilich hatte Caspar Merian gewiß besucht und mit ihm ein Abkommen getroffen, daß er einige der trefflichen Federzeichnungen des Oberlandbaumeisters als Vorlage verwenden durfte, insgesamt sind es 38 (von den bei Merian gedruckten 87 Bildern). Gewiß hat Dilich, Vater von 14 Kindern, dafür von der begüterten Verlegerfirma Merian ein kleines Dankeschön in Talerform erhalten und gern entgegengenommen. Auch der sächsische Kurfürst Johann Georg I. hat sicherlich nichts gegen das geplante Kopieren und Drucken gehabt, denn dadurch wurde das Ansehen seines Landes gehoben.
Es handelt sich also nicht, wie früher zum Teil vermutet wurde, um "Raubkopien" des Verlagshauses Merian, sondern der Nachstich erfolgte auf jeden Fall mit Zustimmungen auf sächsischer Seite, denn an Dilichs Original-Federzeichnungen im Archiv kam man nur mit Erlaubnis heran.

Bedauerlich ist nur, daß dadurch die hervorragenden Städtebilder von Wilhelm Dilich erst in unserem Jahrhundert zur Geltung kamen und publik wurden. Dilich steht leider noch heut im Schatten von Merian. Seine Federzeichnungen wurden erstmals in Dr. Rudolf Steches Heftreihe "Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Königreichs Sachsen (etwa von 1885 bis 1892) als Faksimile veröffentlicht, und erst 1907 kam ein dreibändiges Heftwerk heraus: "Wilhelm Dilichs Federzeichnungen kursächsischer und Meißnischer Ortschaften...", die Sächsische Kommission für Geschichte hatte diese historisch wertvolle Vorhaben verwirklicht.


Autor:     Siegfried Störzel



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geändert am: 27.12.2000
geändert am: 17.02.2004